Guten Morgen, liebe Kaffeeliebhaber:innen…
da stehe ich heute morgen auf, bereit für den Tag- und schon erliege ich dem ersten Angriff des Alltags.
BEVOR ich zu meinem ersten Morgenkaffee durchkomme, fallen meine müden Augen auf den übergroßen Familienkalender im Wohnzimmer und erkennen drei parallel geschaltete Termine für den heutigen Tag. Meine Augen rollen, immer noch müde, gen Decke. Wie konnte denn das passieren? Eigentlich hatte ich mir heute etwas Hausarbeit, einkaufen, Sport, Zeit für ein anspruchvolles Training mit dem fülliger gewordenen Hund vorgenommen. Ich wollte vielleicht mit meiner Tante telefonieren und mit meiner Schwester einen Kaffee trinken, meine Eltern besuchen, eine Gesichtsmaske und Pediküre machen, Gartenarbeit, Zeit mit der Familie, Treffen mit Freunden….und…und…na gut, wahrscheinlich nicht alles heute, aber trotzdem! Ich verliere mich so oft in der zuweilen willkürlichen Agenda des Alltags, des Lebens und seiner Aufgaben- und frage ich mich jetzt, wer hier eigentlich das Sagen hat!
Als Chefin meiner Selbst und Herr, genauer Frau aller meiner Sinne, liegt die Sache klar auf der Hand, nämlich in meiner. Wieviel Selbstbestimmung lasse ich als Chefin in mein Leben und wieviel Fremdbestimmung zu? Das ist eine wahrlich gute und interessante Frage! Hält sich das alles noch in einer gesunden Balance?
Was ordne ich dem Alltag zu und was gehört meinem ICH?
Alltag sind Termine- Arzt, Arbeit, Schule, Handwerker, Optiker…Termine, deren Zeitpunkt ich zum Teil selbst bestimmen kann. Alltag ist Hausarbeit- aufräumen, putzen, kochen, Wäsche, Garten…was vergessen? Bestimmt! Ich finde, zufiedenstellende Hausarbeit- ich sage auch gerne Housekeeping- ist stark abhängig von der individuellen Leidensfähigkeit und Ansprüchen an Ordnung und Sauberkeit. Ich nehme kein Buch in die Hand, wenn um mich herum alles im Chaos und Unordnung versinkt. Könnte ich, mache ich aber nicht, da bin ich etwas unentspannt. Housekeeping- die Abteilung, die für die Reinigung, Pflege und Ordnung der Zimmer und der öffentlichen Bereiche zuständig ist. Also, wie man bei uns in Bayern gerne sagt „für ois“. Die Abteilungsleiterin bin ich, einer muss den Job ja machen. Mein Team (meine Familie) ist wechselnd bemüht bei der Mithilfe. Ich stelle jedoch immer wieder fest, dass meine Delegationsprozesse nicht so greifen, wie sie sollten.
Zu meinem ICH gehören Verabredungen mit Freunden und Familie, sportliche Aktivitäten, lesen, spazieren, schreiben, Yoga, malen, Ausflüge, Ausstellungen, Konzerte….Freizeit eben – FREI-e Zeit.
Vieles liegt in meiner Hand, vor allem im Zeitmanagement. Meine Bewertung bezüglich der Wichtigkeit und Wertigkeit der Aufgaben/ Termine und der Eigenansprüche an die Quantität und Qualität der ME-Time stehen einer gesunden Aufteilung oft im Weg. Selbst schuld, wenn ich täglich und pünktlich ein warmes Abendessen auf den Tisch bringen möchte. Besonders, wenn ich meine, neue kulinarische Kuriosiäten kreiern zu müssen. Selbst schuld, wenn ich mich überreden lasse, den Kuchen fürs Schulfest zu backen oder einen Abholdienst zu übernehmen. Es ist fein, sich zu engagieren für das soziale Miteinander und liebevolle Fürsorge walten zu lassen. Das fühlt sich ja auch gut an. Wenn alles hingegen überhand nimmt… ich keine Lust mehr habe, mich zu verabreden, zu schreiben, zu malen, zum Sporteln… Wenn aus der Freude, jemanden Lieben zu treffen, ein weiterer Termin wird, wenn aus der Me-Time Termine werden, dann ist meine Balance definitiv aus dem Gleichgewicht.
Ich versuchte schon verschiedene Lösungsmodelle. Zum Beispiel nahm ich mir nicht mehr als zwei Dinge am Tag vor. Mein Alltagsgeschäft- Housekeeping und das DIng mit dem leiblichen Wohl- ist natürlich immer mit an Bord, …alll inclusive. 5 Sterne. Selbst mit dieser Methode passierte es, dass für mich nicht so viel Tag übrig geblieben ist. Aber immerhin der Abend! Hussa! Doch manchmal, wenn der Tag sehr voll war, blieb mir davon nur der Vorschlaf auf der Couch vor dem Fernseher. Kein Hussa mehr! Feierabend verpasst-verschlafen.
Ich probierte diesen berühmten Ansatz „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ umzudrehen. Ich machte sozusagen ein „me first“ daraus. Es funktionierte bis zu dem Buch, welches ich lesen wollte, während mir der Wäscheturm in meinem Sichtfeld auffordernde Blicke zu warf. So warf ich das Buch zurück und rief so etwas wie „Ich könnte Hilfe gebrauchen“ – Echo erwünscht…Delegationsschwierigkeiten!
Ich verordnete mir freie Tage. Tage, an denen ich mir verbat, mehr als das nötigste zu machen. Die Grenzen zog ich ganz streng zu meinen Gunsten und hielt tatsächlich durch. Leider fiel mir das Konzept ein paar Tage später auf die Füße. Ich erkannte, dass ich die Arbeit nur nach hinten geschoben hatte und bereits eine Kletterausrüstung zum Erklimmen des Wäscheberges von Nöten gewesen wäre. Meine Leidensfähigkeit benötigt vermutlich eine Brise an Gelassenheit.
Als meine Tochter ganz klein war, sagte die Hebamme beim Hausbesuch zu mir: „Machen Sie sich bloß keine Sorgen um Ihre Hausarbeiten. Die sind sind später noch da. Es macht sie keiner, bevor sie einer macht. Das müssen nicht Sie sein.“ Manchmal denke ich daran und denke, sie hat Recht. Es ist unabhängig, wie klein oder groß die KInder sind oder ob man welche hat. Es kommt darauf an, wieviel Wertigkeit man den Aufgaben, Terminen, Verpflichtungen zugesteht und wieviel Raum man ihnen gibt. Und auf den Raum, den man sich freihält für die schönen Dinge, die einem Freude und Energie schenken. Ich muss nur lernen, den Wäscheberg zu ignorieren und mir eine Kletterausrüstung besorgen oder meine Delegationskompetenzen schärfen.
Ich entschied mich damals ganz bewusst, den Förderwahnsinn für den Nachwuchs nicht mit zu befeuern. Meine Kinder besuchten mit drei Jahren keinen Englischkurs oder ähnliche Förderprogramme zur Befriedigung der elterlichen Über(für)sorge, hinsichtlich der Überlegung der späteren Karriereaussichten des Kindes. Mir war sehr wichtig, dass ihre Terminkalender nicht voll waren und sie immer Zeit zum Spielen, zum Verabreden mit Freunden hatten.
Genauso will ich es für mich. Zeit zum Verabreden, Zeit für mich, meine Pediküre, Freizeitaktivitäten und nicht so viel außen herum. Zeit für Flexibilität, Ruhe, Entspannung, Yoga…Zeit, die mir gehört. Zeit, die ich frei und selbstbestmmt planen kann. Es muss nicht viel sein, nur etwas vom Tag für mich. Nicht nur den Feierabend, an dem ich manchmal so erschöpft bin, dass ich um neun auf der Couch vor „Soko Leipzig“ einschlafe mit der Konsequenz, mich später schlafsuchend im Bett von einer auf die andere Seite drehe, weil ich leider die Verhaftung des Mörders verpasst habe und immer noch rätsele, wer der Täter gewesen sein könnte. Ich möchte mich in keinen Zeitrahmen pressen mit all meinen Interessen, Freuden, vielleicht auch Talenten, bis mir die Luft ausgeht. Ich möchte ruhig atmen und dabei genießen können. Nicht zum einem zum anderen hetzen, ohne Pausen. Möchte gehen, nicht rennen und irgendwann stolpern.
Liebe Kaffeeliebhaber:innen,… meine Erkenntnis für heute: Weniger ist mehr. Weniger Termine legen und selbstgestellte Ansprüche herunterfahren. Wertigkeit, Wichtigkeit, Dringlichkeit hinterfragen. Mehr Flexibilität und Spontaneität. Mehr Freude und Genuss….mehr Delegieren 🙂 So wird sich mein ICH im Alltag wieder wphlfühlen. Auch ohne Kletterausrüstung.
Liebste Grüße und einen schönen Tag
Eure Bine

Hinterlasse einen Kommentar