Guten Morgen, liebe Kaffeeliebhaber:innen,
heute morgen geht mir ein Song nicht mehr aus dem Kopf. Ich wachte damit auf, nach und nach erschienen mir Bilder aus längst vergangenen Tagen…das kommt euch vielleicht- wahrscheinlich- bestimmt bekannt vor. 🙂
Das Verbinden von vergangenen Momenten mit Musik, Gefühlen mit Liedern…
Mein Song des Tages ist „Reality“ von Richard Sanderson… „La Boum“- wer hat diesen Film nicht gesehen? … Filmgeschichte!!! Musikgeschichte!!! Unvergessen, ist der Moment, als Mathieu Vic den Kopfhörer mit diesem Lied auf die Ohren setzte. Erste große Verliebtheit, Flucht aus der Realtität in einen Traum…einen Traum der Liebe…und die Hoffnung, dass die Liebe richtig und wahr sein könnte…Dreams are my reality…
Ich tanzte meinen ersten „Schieber“ auf genau dieses Lied…1988. Der Film „La Boum“ kam 1980 in Frankreich in die Kinos, in Deutschland 1981. Die Charts stürmte „Dreams are my reality“ in Deutschland 1987 – Frankreich, Österreich und die Schweiz waren uns damit 1981/82 etwas voraus. Nach der Fernsehausstrahlung im Jahre 1987 haben dann auch alle deutschen Couchpotatoes verstanden, dass man als Kinogänger die besseren Karten hat.
„Schieber“- dieses Tänzchen kennen nur die Kinder der 80er 🙂 glaube ich 🙂 Amüsanterweise wird der „Schieber“ bei Google als umgangssprachlicher, nostalgischer Begriff für das, was man in der Tanzschule offiziell als Langsamen Walzer oder Blues bezeichnet, erklärt. Nur so zur Info für die Geburtenjahrgänge nach 1990 …
Hahaha,… mit 14 kannte und konnte ich keine Tanzschritte aus der Tanzschule, meine Freunde auch nicht, denn da gingen wir erst später hin, wenn überhaupt. Wir gingen auf Partys. Zumeist fanden diese bei Freunden statt, für die Discos waren wir noch zu jung. Wichtig war dieser erste, noch unverfängliche Körperkontakt mit dem anderen Geschlecht. Gedimmtes Licht, eine langsame Ballade, die Hände um den Nacken des Tanzpartners, deren Hände an der Hüfte, eng aneinander geschmiegt und schon konnte man ohne jegliche Tanzkompetenz ….etwas Kontakt aufnehmen. Im Prinzip schoben wir uns zur Musik etwas im Raum herum. Heute wird es „Engtanz“ oder auch „Klammerblues“ genannt, beschrieben mit einfachem, rhythmischen Hin-und Herschieben oder Vorwärtsschieben des Tanzpartners. Also, vergesst Google! Es gab keine vorgeschriebenen Tanzschritte. Jeder, der wollte, konnte „Schieber“ tanzen! Die Partys dazu scheinen mittlerweile ausgestorben. Unser einer, mindestens Ü 45, tanzt mittlerweile leider auch keinen „Schieber“ mehr. Man tanzt schon gerne, zumindest und gottlob in meinem Freundeskreis, aber es gestaltet sich eher frei und wild zu rockigen Songs als zu gefühlvoller Kuschelmusik.
Wo tanzen die jungen Leute von heute gemeinsam? In Tanzschulen?
In der Tanzschule lernte man damals wie heute brav seine Standardtänze- keinen „Schieber“, was wohl an der unkomplizierten Handhabung der Schritte liegt. Die Vermittlung oder das Nahelegen wäre trotzdem möglich und meiner Meinung nach nötig. Vielleicht ist der „Schieber“ mittlerweile ein Relikt aus nostalgischen Zeiten. So schade! Auch die in der Tanzschule gelernten Tänzchen werden im Rahmen meiner persönlichen Beobachtungen außerhalb kaum praktiziert. So schade!
Es würde es den jungen Menschen in ihrer Kennenlernphase, denke ich, manche Klarheit in der Findung ihrer Gefühle bringen, wenn sie Momente erleben, die von Musik und Stimmung eingebettet, ihre Herzen berühren.
In der Kennenlernphase ist es- basierend auf persönlicher Rechereche- so, dass man irgendwie verliebt ist, zumindest eine Anziehung wahrnimmt, die Hintertür offen lässt. Der Freundeskreis und die Familie werden trotzedem oft integriert. Zusammen ist man erst, wenn man gemeinsam beschließt, jetzt zusammen zu sein. Früher war die erste körperliche Intimität – also in den meisten Fällen, denke ich, das Knutschen, der „Point of no retrurn“. Nicht selten passierte auf den oben genannten Partys dieser Point. Dann war man zusammen, ein Paar. Freund und Freundin. Heute ist es Teil eines – Achtung, Kinder der 80er, festhalten- Testlaufs… vorsichtige, zarte Romantik ohne Versprechungen und Verpfichtungen. Früher war der erste Kuss der „Vertrag“, ein klares Signal, keine ewigen Diskussionen, Abwägungen, sondern Gefühl…
Heute wartet man gerne erst ab, ob alle Ansprüche beider Parteien kompatibel sind … die Gefühle stimmig genug sind…getrieben vom Wunsch nach Unverbindlichkeit, aus Angst vor Einengung, Enttäuschung, der „falschen“ Entscheidung. Lieber erst ordentlich prüfen und schnell gehen, wenn es doch nicht passt.
Wir sind früher auch gegangen oder gegangen worden, wenn es nicht gepasst hat, manchmal schneller, als wir wollten oder wir gedacht hatten. In der Zwischenzeit jedoch waren wir glücklich verliebt mit Schmetterlingen im Bauch und rosaroter Brille auf der Nase und hatten einen Freund, eine Freundin.
Verkompliziert man nicht die Gefühle, entwertet oder schwächt man sie gar, indem man sie auf den Prüfstand hebt, analysiert, anstatt sie zu leben, zu fühlen? Liebe, Verliebtheit ist nicht planbar, das Ungewisse ist Teil des Zaubers.
Man unterschreibt doch niemals „lebenslänglich“. Ich habe immer den freien Willen und die Wahl, wie lange ich bleiben will. Ich und meine Gefühle entscheiden. Frei sein auch in einer Beziehung. Ein unschätzbarer Wert.
Ich habe jeden Schieber genossen, egal, ob ich danach zwei Wochen mit jemanden gegangen bin oder ob es nur ein Tänzchen geblieben ist. Oder ob ich länger geblieben bin, ich konnte immer gehen, bleiben…Nicht alles beginnt mit einem Tänzchen, aber mit dem Gefühl von Verliebtheit und der Zusammengehörigkeit. Alles andere hat sich gezeigt im Vertrauen auf die LIebe und das Leben.
Ich erkenne, die Zeiten haben sich eventuell geändert. Ich bin sehr froh, Schieber auf „Dreams are my realitiy“ getanzt zu haben. Es erscheint mir heute sehr komplex und ich wünsche der Jugend Mut und Vertrauen zu ihrem Herz-und Bauchgefühl und die Entscheidungsfreude, darauf zu hören. Es muss nicht immer gleich richtig, perfekt und für immer sein. Erfahrungen haben ihren eigenen, besonderen Wert. Es muss ja nicht immer ein Tänzchen sein, gefühlvolle, bedeutsame Momente dürfen gleich ziehen. Vic und Mathieu sind vermutlich auch nicht mehr zusammen. Dennoch hatten sie diesen wundervollen Moment. Solche gilt es nicht zu versäumen. Traut euch zu träumen und Träume in eure Realität zu lassen.
Liebste Grüße
Bine

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