Guten Morgen, liebe Kaffeeliebhaber:innen,
ich muss immer noch grinsen, wenn ich an die gestrige Situation denke. Ich machte gerade Mittagspause während eines Seminars, da schnaufte ein Mann joggend an mir vorbei und schimpfte lauthals vor sich hin. Höflich machte ich ihm den Weg frei, er lief, mich nicht beachtend, motzend weiter. Es war mir unmöglich, das Ausmaß seiner offensichtlichen Qualen zu erfassen, weil er so außer Atem war und seine Worte daher mehr als mißverständlich an meine Ohren drangen. Ich dachte so bei mir, vor zwanzig Jahren hätte ich ihn definitiv als verrückt- in Bayern sagt man auch nicht ganz bachern- eingestuft. Heutzutage bin ich bewusst vorsichtig oder achtsam auch in Gedanken, ich weiß ja tatsächlich nicht, ob der Herr vielleicht gerade telefoniert hatte. Vielleicht hatte er Wichtiges zu klären, war mehr als gewogen sich etwas mit Nachdruck von Seele zu schreien…gelacht habe ich dennoch. Immer noch…
Autofahrer erwische ich regelmäßig in ähnlichen Situationen -vor allem im Stau, wenn man gut durchs Fenster blicken und beobachten kann. Manche DInge möchte ich in der Tat nicht sehen, zum Beispiel wenn sich die Fingerspitze dem Nasenloch nähert. Passiert tatsächlich richtig oft im Straßenverkehr. Alle glauben sich unbebobachtet, sie wissen nicht, dass auch ich im Stau stehe 🙂 Ich nutze in entsprechenden, eben beschriebenen Situationen den Zeitpunkt, um mich dezent abzuwenden. Ich sehe Menschen inmitten ihrer wild gestikulierenden Sprachgebärden, die ich früher als Selbstgespräche eingeordnet hätte oder als Singversuche, die bitte keiner hören konnte/ sollte. Dabei lässt sich manch einer nicht gerne beobachten, heute kann man es fein auf die Freisprechanlage schieben. Toll eigentlich, seitdem singe ich auch viel freier im Auto mit, könnte ja von außen so aussehen, als ob ich telefoniere. Denke ich genauer darüber nach, könnte ich jetzt philosophieren, warum die Meinung anderer, besonders fremder Menschen, die einfach nur neben mir in ihrem Auto, in ihrer Welt sitzen, irgendwie mir wichtig scheinen. Vielleicht an anderer Stelle..
Die Annahme, jeder Mensch besitze ein Smartphone, birgt somit etwas Befreiendes. Den Vorteil der Zeitersparnis erkenne ich wahrlich wohlwollend an. Möchte ich umgehend eine Information bekommen, um meinen Wissendurst oder meine Neugier zu stillen, zücke ich mein Handy, befrage Google oder andere Schlaumeier und schon bin auch ich etwas schlauer. Manchmal vermisse ich das Blättern in Büchern, um meinen Fragen eine Antwort zu geben. Klar, es ist meine Entscheidung, welchen Weg ich wähle. Wäre es doch nicht so bequem und sofort abrufbar… doch muss ich immer gleich alles sofort wissen, erfahren? Nehme ich mir damit nicht die Chance, es mir zu erarbeiten und damit nachhaltig in mein Gehirn zu verpflanzen? So viel wie manche Leute gewisse Suchmaschinen traktieren, denke ich mitunter, so viel Informationsmasse hat in keinem menschlichen Gehirn Platz.
Es ist auf jeden Fall absolut zeitsparend, befriedigt sofort die Neugier und andere Anliegen, kann man so umgehend ins Handeln starten. Bei mir könnte regelnmäßig die Frage „Kann ich die Sahne in meinen Kühlschrank noch verwenden, obwohl sie seit einer Woche abgelaufen ist?“ beantwortet werden.
Trotzdem würde ich sagen, ein weiterführenendes Interesse -Fragen, die beim Suchen aufploppen- wird damit abgewürgt. Kürzlich ist mir das passiert mit der Nachfrage zum Habsburger Stammbaum – hui, ich erhielt in der Tat eine recht unübersichtliche Antwort. Nun ja, jetzt könnte ich mir am Computer noch andere Möglichkeiten suchen, aber das Feuer des Interesses wurde durch die Erstantwort meines Smartphones gelöscht. Schade, ich habe es auf später verschoben…
In puncto Zeit habe ich zudem das Gefühl, das diese nur so fliegt, wenn ich auf dem Handy herumrecherchiere und das Gefühl dafür mir entschwindet. Ich wundere mich sodann stets, wie kurz eine halbe Stunde sein kann. Abgesehen davon, empfinde ich eine nicht unerhebliche Unzufriedenheit danach über die Zeit des Herumscrollens. Das kommt euch bekannt vor?
Ich mag mein Smartphone und das, was es alles kann. Ich muss mich allerdings immer wieder daran erinnern, die Nutzung nicht so auszuweiten, dass ich die Zeit vergesse oder das, was ich eigentlich gerade tun wollte. Ich bekomme sonst echt Ärger mit mir selbst, das muss ja nicht sein.
Mein erstes Handy war ein Nokia, die Typnummer weiß ich nicht mehr, man konnte nur SMS schreiben, Telefonate führen und ich war 25. Etwas her…dieses Handy hat absolut ausgereicht- damals- doch vielleicht könnte es das heute auch noch?
Meine zwanzigjährige Tochter hat Instagram von ihrem Display entfernt und ist sonntags nur übers Festnetz zu erreichen. Sie überlegt sogar, sich ein Tastenhandy anzuschaffen, vielleicht ein Nokia 🙂 Smartphones wären Lebenszeitkiller, sagt sie. Stark, finde ich das.
Ich habe Freunde, die Handyfasten machen, von Fasching bis Ostern. Kein Social Media, kein WhatsApp knapp sieben Wochen lang… bisher hat jeder überlebt. So tun, wie ich vor 25 Jahren tat mit meinem Nokia. Auch stark.
Meine Erkenntnis 🙂 … wie wäre es mit, alles in Maßen ist top, in Massen flop…das hält den Kopf und die Hände frei, um im „real Life“ zu bleiben und es zu fühlen.
Liebste Grüße
Bine

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