Vom Tresen-Vibe zum Smalltalk-Roulette Über die kleinen und großen Gespräche im Leben

Waitress serving coffee to a smiling man in a busy café

Guten Morgen, liebe Kaffeeliebhaber:innen,

meine Gedanken spielen heute Morgen mit den Erinnerungen von einem Gestern, als ich noch echter Smalltalk- Profi war – damals, als mein jüngeres ICH im Cafe „Hoppala“ noch Tabletts schleuderte und gute Laune, Getränke und Essen verteilte.

Es fühlte sich leicht an und eine gewisse Unbeschwertheit ging damit einher. Oft war es lustig und kurzweilig. Mir machte das Kellern tatsächlich viel Spaß. Mit dem Chef war ich ab Tag eins befreundet und er ist heute, 27 Jahre später, immer noch mein bester Freund.

Mein Vorstellungsgespräch damals ging über zwei Stunden, nach fünf Minuten war ich eingestellt. Den Rest der Zeit redeten wir, schon wie Freunde, über Urlaubserlebnisse, Gott und die Welt. Ich lernte in meiner Kellnerzeit unglaublich viel über Menschen, über mich selbst, Krisenmanagement, Multitasking, das richtige Timing, Kochkunst und Smalltalk.

Smalltalk zu beherrschen, ist ein echter Skill fürs Leben. Ein kleines, lockeres, beiläufiges Gespräch ohne Tiefgang schafft für alle im richtigen Kontext eine angenehme, leichte Atmosphäre. Er ist der Anfang, kann verbinden und die Brücke zu Größerem schaffen. Oder eben auch nicht. Ende offen, genau das macht es spannend.

Das „Hoppala“ kehrten, wie in jeder guten Kneipe, Stammgäste ein. Einer trank jeden Abend -zumindest an meinen Arbeitsabenden, mittwochs und sonntags- acht (!) Weißbier an der Bar und blieb dennoch stets stabil auf seinem Barhocker sitzen. Er sprach nicht viel, aber gegen später, wenn es ruhiger wurde, erzählte er das ein und andere von sich. Er blieb immer bis zum Schluß, er wollte sichergehen, dass ich sicher absperren kann. Ich hatte keine Angst abends alleine im Cafe zu sein. Aber er irgendwie schon. Oder alleine zuhause.

Eine Zeitlang kam sonntags eine Runde von Geschäftsleuten, die vorübergehend im Ort arbeiteten. Sie reservierten den großen runden Tisch in der Ecke. Sie stammten aus Norddeutschland und lachten viel mit mir, der zuagroasten, aber eingebürgerten Bayerin mit so einem gutem Hochdeutsch.

Ein Gast brachte immer ein Buch mit und las im schlechten Barlicht Kapitel für Kapitel. Er war alleinstehend und dankbar, wenn ich Momente fand, mit ihm über das Buch zu reden oder auch über andere Dinge des Lebens. Nebenbei gönnte er sich darüber hinaus viel Weißbier. Er fiel auch nie vom Barhocker.

Einige Jugendliche teilten sich einen Spezi von ihrem Taschengeld. Sie freuten sich, wenn ich da war. Ich nahm ihnen nie übel, dass sie weder Umsatz machten noch Trinkgeld gaben. Dafür haben wir viel gescherzt.

Ich erinnere mich an einige grinsende Gesichter an der Bartheke, ausgelöst durch mein versehentliches Mitsingen von „I’m going to Ibiza“ der Vengaboys, während ich die Limetten mit dem braunen Zucker für die Caipis zerstampfte.

Ich verwürzte einmal ein Curry, was eine Beschwerde nach sich zog. Danach wurde ich vom Küchendienst befreit. Ab und zu mussten wir Kellner in die Küche, um die Zubereitung der Gerichte zu lernen, da wir ab 22h alleine im Cafe standen. Ich danke heute noch dem Curry, welches als Tagesgericht im „Hoppala“ nicht mehr auftauchte.

Es ist leicht ein Lächeln zu erwidern oder hinaus zu schicken. Trifft man auf keine Erwiderung, hat derjenige vermutlich echt einen schlechten Tag oder wirklich Pech im Leben. Auch das habe ich im „Hoppala“ gelernt. Die Laune der Menschen hat in den allermeisten Fällen absolut nichts mit einem selbst zu tun. Trotzdem freundlich zu bleiben ist gar nicht so schwer.

Im „Hoppala“ war ich die Bank – 🙂 …um das Bild meines Titels zu bedienen: Ich bestimmte die Dynamik. Der Kaffee kochte auf mein Kommando, das Bier floss und ich schleuderte es mit meinem Tablett raus und entschied selbst, wie lange ich an einem Tisch verweilte. Heute bin ich ein Mitspieler im Smalltalk-Roulette. Manchmal ergibt sich ein inspirierendes, kurzes Gespräch im Supermarkt oder auf einer Veranstaltung, das eine beschwingende, schöne Wirkung bei mir hinterlässt. Manchmal aber bleibt die Roulette- Kugel bei den zähen Phrasen, im erzwungenen Wetter-Gerede oder dem reinen Energierauben stehen. Es hängt nicht zuletzt von meiner Tagesform ab, ob ich dann denke „Früher lief das irgendwie fluffiger“ oder „Wow, das lässt jetzt echt neue Synapsen knipsen „.

Ich schätze Gespräche mit Tiefgang- sogenannte Deeptalks- und dem Gefühl der Zugehörigkeit und Zuneigung. Wie diese mit Freunden, bei denen Zeit keine Rolle spielt, beziehungsweise einfach vergessen wird. Wir sprechen über den Alltag und philosophieren über die Welt im Innen und Außen. Neue Freundschaften, Bekanntschaften entstehen auch bei mir vielleicht durch einen Smalltalk-…doch spüre ich mittlerweile sehr schnell, wer zu mir passt. Das ist vermutlich auch der Grund, warum ich mich heute seltener als früher auf Smalltalk einlasse. Besonders dann, wenn das Gespräch nur zäh in die Gänge kommt und mit dem Wetter anfängt. Ich mag es, wenn ein Gespräch in die Tiefe geht, Inspiration gibt und nimmt, Gefühle, Situationen klärt, allem auf den Grund geht.

Meine Erkenntnis für heute:

Mein Smalltalk- Skill aus den alten Hoppala– Tagen hat zwar lange geruht, ist aber nie ganz verschwunden. Würde ich heute wieder hinter den Tresen zurückkehren, es würde mir sofort wieder Spaß machen. Einfach, weil man an keine niemanden festgenagelt ist. Man macht seinen Job, bringt ein Lächeln und ein Bierchen und geht weiter. Und obendrein wäre ich wieder die Bank, in all ihrer herrlichen Unverbindlichkeit und Leichtigkeit.

Schönen Tag für euch, nehmt es leicht 🙂

Bine

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